Obituary
Christoph Schlingensief – wer war das?
Als ich Chefin des Musikkanals MTV war, lautete meine Aufgabe, dem Sender ein deutsches Profil zu geben. Wer wäre dafür geeigneter gewesen als Christoph Schlingensief? Natürlich war es dann auch seine Idee, die Sendung „U 3000“ in der Berliner U-Bahn zu drehen, in der er Gäste wie Maria und Margot Hellwig, Roberto Blanco und Christian Anders mit dem Geist Rudi Dutschkes, Bert Brechts und Jean Baudrillards beglückte und als Moderator selber seine Kritik am System herausschrie – mal im Jesusgewand, mal im Hawaiihemd.
Ich weiß noch, als wir im Schneideraum saßen und einfach keine Möglichkeit fanden, die Sendung für die Zuschauer nachvollziehbar zu schneiden, weil Christoph ununterbrochen entweder sich selber oder andere unterbrach und ständig mit neuen Themen begann. Er selber war der Schnitt.
Diese Sendung und ihre Kosten (vor allem die im Budget vorab einkalkulierte Reparatur des U-Bahn Waggons) musste ich in der Londoner Europazentrale von MTV rechtfertigen. „Who is this – Christoph Schlingensief? Der scheint wirklich crazy zu sein“, höre ich meine Oberen noch sagen.
Wer ist er also damals, im Jahr 2000, gewesen? Ein Agent Provocateur? Ein durchgeknallter Regisseur? Ein kreativer Querulant? Ich habe mir alle Beschreibungen und Definitionsversuche für seine Person angehört und dann in London gesagt: „Er ist ein Künstler“.
Das war nicht nur am unverfänglichsten – was kann man schon gegen einen quoten-und aufmerksamkeitsfördernden Künstler einwenden? – , sondern es war auch am zutreffendsten.
Allerdings muss ich zugeben, dass ich das erst zehn Jahre später erkannt habe. Damals wurde er von den meisten nicht ernst genommen. Er galt als ein verrückter Kerl, dem es nur um seine Selbstinszenierung geht, um nichts sonst. Für mich hat er von Jahr zu Jahr mehr an Substanz gewonnen, all die vielen Performances füllten sich mit Inhalt – manche erst im Rückblick oder auch erst im Licht des darauffolgenden Projekts. Bayreuth dann – der Durchbruch: endlich Akzeptanz und Anerkennung. Irgendwann werdet ihr schon sehen, dass ich gut bin.
Es lag ihm sehr daran, dass seine Eltern ihn als Künstler sehen lernten. So bat er mich nach fast jeder der acht Ausstrahlungen, bei seinem Vater und seiner Mutter anzurufen und ihnen zu erklären, dass das, was sie soeben im Fernsehen gesehen hatten, Kunst ist.
Je mehr Akzeptanz er bekam, desto besser wurde er auch. Klarer. Seine Botschaften wurden eindringlicher. Seine Energien setzte er längst nicht mehr so wahllos ein wie in der U-Bahn-Sendung. Das hatte er auch nicht mehr nötig.
Ich durfte Christoph Schlingensief zu meinen Freunden zählen, was ich als großes Glück empfinde, und nun als tiefen Schmerz. Aber durch sein Reden und Schreiben über das Sterben, über den Tod, über die Hoffnung, dass einen doch irgendjemand, vielleicht sogar Gott, rettet, hat er uns unschätzbar wertvolles Gedankengut hinterlassen. Zeit seines Schaffens hat ihn der Tod beschäftigt. Fast so, als wolle er ihn lernen. In einer der Folgen von "U 3000" steigt an der Berliner Straße ein Sprecher einer HIV-Selbsthilfegruppe ein, dem Schlingensief mit Gongschlag genau eine Minute Zeit gibt, zu erklären: „Wie stellt sich Hoffnung ein für jemanden, der eigentlich schon tot ist?“
Christoph Schlingensief – wer war das? So, wie er Lebenskünstler war, war er auch Sterbenskünstler. Er war, er ist und bleibt. Ein Großer.