Ein Word Wrap ist die englische Bezeichnung für
einen Zeilenumbruch. Der Begriff kommt aus der
Typografie und zeigt an, an welcher Stelle ein Text von einer Zeile in
die nächste übergeht. Der Word Wrap definiert die Länge
der Zeile: Er lässt die Zeilen eines Gedichtes kurz sein oder die
Wortreihen einer detailierten Beschreibung sich Zeile um Zeile weiterziehen.
„To wrap“ meint denn auch wickeln, umwickeln oder einpacken.
Geschickt gewickelte, gedrehte und zusammengetragene Wortpakete, Bildkombinationen,
sauber aufgelistete Wortreihen oder verbundene Zeichnungsstücke bilden
den Ausgangspunkt für das vierte Ausstellungskapitel in der About
Change, Collection.
Die About Change, Collection versteht ihren Sammlungsschwerpunkt der Collage als ein Aufeinandertreffen von verschiedenen Realitäten, Gattungen und Medien und sucht stets nach den verschiedenen Aspekten und Möglichkeiten der Collage. Mit „Word Wraps“ konzentriert sie sich nun auf Collagen mit einem narrativen Charakter – Collagen die aus Textstücken oder Bildfragmenten neue Geschichten konstruieren und erzählen.
Helen Mirras Indexe etwa sind sorgfältig zusammengetragene Wortreihen, die die Künstlerin aus philosophischen oder literarischen Werken herausarbeitet. So wählt sie Begriffe, Sentenzen, Namen oder Gedankenfragmente aus dem Buch Ringe des Saturns des deutschen Schriftstellers W.G. Sebald (1944- 2001) nach ihren eigenen Kriterien aus und tippt sie mit einer herkömmlichen, mechanischen Schreibmaschine auf die weissen Stoffbänder. Hinter den aufgelisteten Textfragmenten vermerkt sie gewissenhaft die jeweilige Seitenzahl. Die so entstandenen „Stoffzeilen“ verbindet Mirra zu Gruppen – schafft lange Zeilen oder kurze Wortreihen und lässt ein ganz neues, poetisches Ganzes entstehen. Ähnlich wie der Dichter, der in seinem Roman eine Wanderung durch Südengland beschreibt und dabei assoziativ seinen Gedanken und Beobachtungen folgt, aber auch ähnlich wie die Künstlerin, die sich Wort für Wort durch ein Buch liest, können auch die Besucher die Textbänder von Helen Mirra abschreiten, dabei Worte auffangen und Gedanken spinnen.
Der offene und assoziative Umgang Mirras mit Sprache wird auch bei den beiden anderen Arbeiten in der Ausstellung deutlich: Aus gebrauchten Europaletten, sorgfältig mit einer grünen und einer blauen Wolldecke bedeckt, schafft Mirra zwei reduzierte, abstrakte Skulpturen. Mit den Titeln beides Zitate aus Robert Walsers „Der Räuber“ (1925) hingegen, lässt sie wiederum die Verbindung zur Literatur entstehen: Abend, auf den die Vöglein warteten, auf ihren lieben Freund, um in seiner Kühle zu jubeln, 92 und Wald, Überbleibsel von; das übrigens gar nicht übriggebliebenmässig aussieht, 10. Wie die Sprache in einem Gedicht, sind auch Mirras Skulpturen verdichtet, sorgfältig ausgesucht und positioniert. In ihrer Abstraktion öffnen sie neue, weite Gedankenräume.
Auch Karl Holmqvist sucht die Wörter und Textfragmente für seine Performances, Videos und Collagen in der Literatur, in Popsongs, Manifesten oder Schlagzeilen und kreiert daraus Text und Bild- „Wickel“. In seinen Verschränkungen von Bildern, Melodien und Texten reflektiert Holmqvist die Verbindungen zwischen Popkultur, Politik, Kunst und Literatur.
In „Word Wraps“ zeigt der in Berlin lebende
Künstler aktuelle Collagen, sowie die Videoarbeit I`m with you in
Rockland (2005). Das Video zitiert mit dem Titel zwar Allen Ginsberg's
Beat- Poem Howl, beschäftigt sich aber in einem weiten Sinn mit der
New Yorker Club Culture der frühen neunziger Jahre. In monotonem
Sing- Sang trägt der Künstler seine Textfragment vor. Die Zeilen,
die weiss auf schwarzem Grund über den Monitor fliessen, schaffen
eine formale Verbindung zu Mirras Indexen oder Latronicos Buchseiten.
In den Collagen wiederum verbindet und verknüpft Holmqvist Bilder,
Reflexionen und Notizen zu seinen Recherchen über die Wiener Secessionisten
und ihrer Idee des Gesamtkunstwerkes mit Zitaten aus der Popkultur. Virtuos
wickelt und verwickelt Holmqvist das Design des österreichischen
Architekten und Secessionist Josef Hoffmann (1870- 1956) mit Armbanduhr-
Kollektionen von Dolce & Gabbana und schliesslich Sinéad O`Connors
Song „War“.
„Für mich sind Text und Bild absolut untrennbar; sie formen
eine Einheit. Wenn ich eine Zeichnung mache (…), habe ich immer
die Geschichten unter dem gezeichneten Bild. Wenn ich ein Bild zeichne,
weiss ich nur sehr vage, wie sich die Geschichte entwickeln wird.“*
Nedko Solakovs Bilder erzählen Geschichten –
oder Teile von Geschichten, die aus den wachsamen Beobachtungen (manchmal
absurder) Alltäglichkeiten entstehen, die er in der ihm eigenen Mischform
von Wort und Bild erzählt. In den beiden Zeichungsserien, verdichtet
Solakov Gedanken, Geschichten, Beobachtungen in kleinen engen Buchstaben
und feinen Zeichnungen. Dabei haben die Zeichnungen- wie die gesprochene
Sprache stets etwas Flüchtiges. Solakovs Sprachgebrauch ist denn
auch kein literarischer, auch wenn er sich narrativer Konventionen bedient,
sondern ein alltäglicher. Sprache und Bild ergänzen sich zu
einem untrennbaren Ganzen und erzählen wunderbare Geschichten.
Geschichten und Geschichte (oft seine eigene Lebensgeschichte) verarbeitet
auch der georgische Künstler Andro Wekua in seinen
Skulpturen, Installationen und Collagen. Die Gesichter der Figuren, die
sich in den beiden gezeigten Collagen erkennen lassen, könnten aus
einem Fotoalbum herausgerissen sein. Dicht setzt Wekua Ausschnitte aus
Fotos oder Zeitschriften neben gemalte abstrakte Flächen und gezeichnete
Umrisse. Narrativ und gleichzeitig abstrakt wirken die Kompositionen Wekuas
– sie sind wie verschwommene Erinnerungsstücke oder fast vergessene
Filmszenen, deren Geschichten und Zusammenhänge jedoch offen bleiben.
Dass sich die Wahrnehmung eines Bildes ändert, dass sich Erinnerungen
wandeln, zeigt Jordan Wolfson in seinem 16mm Film Untitled
False Document (2008). Im Bild steht eine junge Frau auf einem Boot und
hält Poster mit Abbildungen von Früchten in die Kamera, die
sie schließlich eines nach dem andern ins Wasser wirft. Eine klirrende
Computerstimme äußert monoton Gedanken über die Veränderungen
von Erinnerungen, die Unzuverlässigkeit des Erzählers, über
Identität und Nostalgie. Während die Kamera langsam aus der
Szene zoomt, erkennt der Betrachter, dass sich die Szene auf einem Flachbildschirm
in einem sonnigen Wohnzimmer abspielt. Einzige Zuschauerin der Szene ist
eine Katze, die vor dem Bildschirm hockt. In dem feinen Film, dessen Bewegungen
des Ein- und Auszoomens den Wellen des Wassers gleichen, stellt Jordan
Wolfson die Frage nach der Zuverlässigkeit unserer Wahrnehmung.
Mit den unterschiedlichen Möglichkeiten der Interpretation und der
Komposition eines Textes setzt sich auch der Italiener Vincenzo Latronico
auseinander. Der junge Autor hat aus 8 Textsequenzen, die jeweils aus
5 Teilen bestehen, alle möglichen Kombinationen aufgeschrieben. Entstanden
sind 32.768 kurze Erzählungen: 32.768 Varianten einer Liebesgeschichte.
Und doch ist jede davon unabhängig und einzigartig.
Latronico dessen Erstlingsroman Ginnastica e Rivoluzione 2008 im italienischen
Verlag Bompiani erschienen ist, liess sich für die Arbeit Next time,
perhaps (2009) vom französischen Autor Raymond Queneau (1903-1976)
inspirieren. Dieser publizierte 1961 Hunderttausend Milliarden Gedichte,
ein experimentelles Ensemble von zehn Sonetten. Queneau konstruierte das
Buch so, dass die jeweils vierzehn Zeilen der Sonette einzeln umgeblättert
werden und so mit den Zeilen der anderen Sonetten kombiniert werden können.
Das dünne Büchlein mit vierzehn Sonnetten enthält so potentielle
Hundertausend Milliarden Gedichte. Während bei Queneau die hunderttausend
milliarden Kombinationen und verschiedenen Gedichte nie tatsächlich
gleichzeitig gesehen werden können, wollte Vincenzo Latronico die
Masse seiner 32.768 Liebesgeschichten sichtbar machen. Für jede Geschichte
ließ er ein Blatt drucken: 32.768 Blätter, die sich nun in
der About Change,
Collection stapeln – jedes mit seiner eigenen Liebesgeschichte.
Die BesucherInnen können sich so eine Seite, eine Variation des Werkes
Next time, perhaps mitnehmen. Diese englische Version der Arbeit Magari
la prossima volta (2009) ist zum ersten Mal außerhalb Italiens zu
sehen und wurde von Vincenzo Latronico eigens für die About
Change, Collection bearbeitet.
In „Word Wraps“ setzen die KünstlerInnen
Bildfragmente und Textstücke in Reihen, Linien oder Filmbändern,
in assoziativen dichten Netzen oder in fliessenden, sich wiederholenden
Kreisen zu einem neuen Ganzen zusammen. Sie schaffen Collagen, die andere,
neue Geschichten erzählen.
*Zitiert in: „Nedko Solakov. Emotions. Ausst. Kat. Kunstmuseum Bonn,
Kunstmuseum St.Gallen,
Matthildenhöhe Darmstadt 2008
Die About Change,
Collection dankt den Galerien Hollybush Garden, London;
Johann König, Berlin; Meyer Riegger Berlin/ Karlsruhe; Giti Nourbakhsch,
Berlin; für die gute Zusammenarbeit.
